Dr. Dirk Tölke, 2010

Zeitspeicher (woodcuts)
Die Fortsetzung der Druckgraphik mit anderen Mitteln

Susanne Walter ist Graphikerin. Genauer interessiert sie sich seit ihrer Ausbildung für die Druckgraphik. Eigentlich müsste man sie als Objektgraphikerin bezeichnen, denn es ist ihr gelungen, feinsinnig Wege zu ertüfteln, die traditionellen druckgraphischen Verfahren erfrischend umzunutzen und zu erweitern. Ihre Lösungen und Arbeitsergebnisse sind offensichtlich durchdacht, präzise umgesetzt ohne pingelig zu wirken und bieten einen kalkuliert ästhetischen Anreiz für die Nutzung der eigenen Denkwerkzeuge in unseren Hirnwindungen. Der inhaltliche Zugang erschließt sich nicht ohne Hintergrundwissen.

Die 1968 in Bielefeld geborenen Künstlerin studierte an der dortigen Fachhochschule für Gestaltung Freies Zeichnen und Druckgrafik bei Prof. Jochen Geilen und anschließend an der Kunstakademie Münster als Meisterschülerin bei Professor Timm Ulrichs. Sie hat also eine solide Ausbildung in druckgraphischen Verfahren, hochakurater Ausführung und in minimalistischer Denkweise hinter sich. Aber sie wendet eben die traditionelle Graphikgruppe des Holzschnitts, des Kupferstichs und der Radierung nicht einfach traditionell an, sondern ist auf der Suche, der Spurensuche nach neuen Vorlagen für eine druckgraphische Wirkung mit anderen Mitteln, die in kombinatorischer Beziehung zu weiteren Strömungen der Nachkriegsmoderne stehen. Neben Minimal Art, Arte Povera und Spurensuche, Konzeptkunst und Installationen. Dabei treibt sie kein formales ästhetisches Spiel mit reduziertem Formvokabular, sondern sie bezieht sich stets auf Alltagssituationen, in denen ungewollt und bislang ungesehene graphische Strukturen moderner abstrakter oder kalligraphischer Art zur Anwendung und durch ihre künstlerische Modifikation zur Umsetzung kommen. Sie entdeckt im Alltag quasi einschneidende Ereignisse, die sich im Alltag als graphisches Muster zeigen und druckgraphisch verwertbar gemacht werden. Das geschieht mit einer gewissen schelmisch distanzierten Leichtigkeit, die aber mit sanfter Präzision Alltagsrealität auf neue Weise sichtbar macht. Das Thema der Zeit, in seriellen Verfahren und Werkgruppen sichtbar gemacht klingt in den meisten Werken an. In den Serien und Überlagerungsabfolgen ihrer Arbeiten finden sich Wege, die solcherlei statistische Entwicklungen und Werte nicht im üblichen Kuchen oder Balkenmuster präsentieren, sondern in lebendigen freien Formen.

Eine frühe Arbeit (2001, tempo rubato, Rechnungen/Kaltnadelradierungen) zeigt Zahlenkolonnen, die beim täglichen Zusammenrechnen von Warenpreisen auf einem Wochenmarkt notiert wurden. Die Additionen der Kaufprozesse jeweils einer Stunde wurde auf einer rechenblockgroßen vorbereiteten Kupferplatte übereinander mit starkem Sticheldruck in Spiegelschrift eingegraben. Der Abdruck zeigte dann jeweils richtige, in betonten Senkrechten und waagerechten orientierte Linienkonvolute, die als graphische Struktur wie ein abgebrannter Fichtenwald aus der Luft wirken und teils kalligraphische Kraft entfalten, da auch chinesische Schriftzeichen in senkrechten Kolonnen übereinander geschrieben werden und über die Mitteilung hinaus formale Reize bieten. Als Serie in Sechsergruppen oder in Zehnergruppen gehängt (2002, 10 Quartale – Abrechnung), werden die Ergebnisse mit einer gewissen sachlichen Strenge sichtbar gemacht und machen in der Vergleichbarkeit auf die Feinheiten der Varianten aufmerksam. Eine Gruppenwirkung, wie sie Bernd und Hilla Becher mit ihren stets gleich fotografierten Industrie denkmälern erstmals erprobt haben.

Am Anfang stehen also Arbeiten, die unverkrampft und mit unprätenziösem Witz zudem mit den jüngeren Chiffren der Moderne spielen, mit kalligraphischen Kritzelungen, wie sie Jackson Pollock oder Cy Twombly als kulturell unbelegte Emotionsformeln, als kosmische Wirkfelder dyanimierter Emotionen oder als kulturelles Raunen in Nutz anwendung brachten. Befreit von individueller Psychologie und kulturgeschichtlicher Assoziation bietet Susanne Walter gegenwärtige Bildmetaphern von eigenständigem Reiz, die auf den Alltag und Wirkungen menschlichen Handelns Bezug nehmen, aber ohne provokative Gesten arbeiten und auch keinerlei Abbild erzeugen. Dennoch stellen sie die Wirklichkeit über die Spuren des Handelns als direkte Bildwirkung dar. Dies trifft insbesondere auf Serien zu, in denen die Schnittspuren auf Frühstückbrettchen dadurch sichtbar gemacht werden, dass die Brettchen, gesammelte und persönlich in Monatsstufen bearbeitete zur Druckplatten gemacht werden, die Kupferstichartige Wirkung entfalten (2004, Holzschnitte 100 Drucke, Schneidearbeit 2008, 12 Monate Schneidearbeit 2009). Daneben steht eine Gruppe, die sofort aus Alltagserfahrungen wiedererkennbare Muster, eigentlich Handlungsmuster, nutzen. Fahrkarten, Kontoauszüge oder Kassenbons von Monatseinkäufen bei Aldi und Lidl mit ihren typischen kostensparend bis an den Rand der Papierrolle gehenden Zahlenstrukturen hat Susanne Walter im Großformat als Stickarbeit übersetzt. Dabei hat sie mit der Anonymisierung der Zahlen als Xe zugleich charmant auf die Vorlagen in Stickanleitungen angespielt. (2003, Fahrplan, Wollstickerei auf Leinen; 2005, Aldi und Lidl – ein Monatseinkauf, Stickerei auf Leinen)

Die Thematik des Abdrucks rückte dann wieder etwas stärker in den Vordergund. Die Oberflächenwirkung der Druckgraphik ist immer mit Druck verbunden. Dies zeigte sie, als sie für ihre Examensarbeit auf 6 verschiedenen Bahnhöfen jeweils 1,5 x 1,5 m große Leinwände auslegte und die Fundflächen mit allen dort befindlichen Fundstücke mit Graphitpulver durchrieb. (2005, 1/6 Dyptichen, 21.11.05 und 7.11.05, Bahnhof Soest, Bahnsteig 3c und b) Bei dieser Frottagearbeit ist viel Druck auf die Leinwand nötig und führt als im Werkprozess spürbarer und ertastbarer Gegendruck zu einer malerisch individuellen Schwärzung, die als Ergebnis randunscharfe und vergröberte Ahnungsspuren des Darunterliegenden offenbart und insgesamt ein wallend schimmerndes Allover ergibt, das weit über den unbetonten Rand hinaus bestehen könnte. Jackson Pollock, der erstmals auf dem Boden Leinwände bearbeitete lässt ahnväterlich ebenso grüßen, wie Max Ernst, der Erfinder der Durchreibetechnik „Frottage“. Auch hier sind die inzwischen bekannten Verfahrensweisen nicht plump übernommen, sondern adaptiert und weiterentwickelt und mit der Kenntnis weiterer Nachkriegsströmungen verbunden: des Minimalismus, der Konzeptart, des Fluxus, der Spurensuche, der Arte Povera. Wieder ist das Bild zugleich ein Zeitspeicher.

In diese Richtung und den Intentionen Dieter Rots vergleichbar, das eigene Leben als Dokumentationsquelle für zyklische Phänomene zu nutzen, gehen etwa Arbeiten die die hintereinandergeklebten und aufgerollten Kassenbons eines Lebensjahres als Wandobjekt umwidmen (2008, Preisspirale 2008, Kassenbons), Zettel in bestimmten Abständen an einen später zum Knäuel gewickelten Kupferdraht ankleben (2009, timewrap, Kupferdraht und Papier), die TShirts zum einmalig nutzbaren Tagwerk und Ausstellungsobjekt machen (2009, TShirt : I´m a timecollection), die Zeitverläufe und Sedimentationen sichtbar machen (2009, Zeitfenster x min, Stufenätzungen; 2009, time and space, Aquatinta auf Büttenpapier; 2009, Ein Jahr Trocknerarbeit, Fusellagentürme)

Ihr Blick auf den Boden und die dort zu erpirschenden Spuren hat Susanne Walter zertretene Kaugummis entdecken lassen, die sie einerseits als Spezies wie in einem Schmetterlingskasten klassifiziert und aufreiht, andererseits in Fußgängerzonen mit Stempeln (cool, casual, careless) markiert, bzw. erneut klassifiziert. Sie geht also methodisch vor, sichtend, sammelnd und sortierend. Die zufälligen Strukturen von Natur und Kulturobjekten, von Frühstücksbrettchen oder zuletzt von Baumstümpfen (2009/2010, woodcuts, Holzschnitt auf Reispapier) bieten dabei eine durch Messer oder Sägeschnitte bearbeitete Oberfläche, die als Spur von der Behandlung erzählt und eine dem Holzschnitt ähnliche, aber scheinbar ungewollte Schürfspurstruktur besitzt. Diese entdeckt Susanne Walter und nutzt sie für ihre artifiziellen Zwecke. Ganz minimalistisch und klug verdichtet werden hier die Vorläufer weiterverarbeitende Vorlieben für On Kawara, Jackson Pollock und Cy Twombly spürbar. Susanne Walter sucht nach vereinfachten Strukturen, die abgedruckt nicht Kunstausdruck, oder Werkspur, sondern Benutzungs, Behandlungsspuren aufzeigen, die ungewollt ihr halbzufälliges Eigenleben als graphische Spur führen. Die Frühstücksbrettchen etwa wirken wie eine Kupferdruckplatte, aber ihre SchnittMenge verbleibt meist im Mittel feld. Kaum jemand schneidet am Rand eines Brettchens.
Die flirrenden Schraffuren addieren sich zu Weißfeldern und bilden eigene Komposite, die weder den Schlingen von Schrift, noch Sedimentationen von Naturformen ähneln, sondern ein eigenes Spurenleben führen. Solchen durchaus nicht zufälligen, sondern kulturell geprägeten und prägenden, aber bislang künstlerisch unbeachteten Mustern geht Susanne Walter aktiv nach.

Die Künstlerin geht des Öfteren in den Wald und sucht nach abgesägten Baumstümpfen, deren mehr oder weniger feuchte Schnittflächen sie mit Farbe einwalzt und abdruckt. Nicht jeder Stamm entfaltete dabei Bildkraft. So sind diese Werke entstanden, bei denen die in scharfem schwarzweiß Kontrast abgedruckten Strukturen von Risswunden und Sägespuren durchzogen sind und auf zu Flachpodesten zusammengeleimten MDFPlatten aufgezogen wurden, die weißchangierend grundiert sind und später an die Wand gehängt werden. Die abgedruckte Fläche wird dabei um die Kanten gelegt und suggeriert im ersten Moment eine dreidimensionale Wiedergabe der Oberfläche, aber es erweist sich, dass auch hier eine Strategie der künstlerischen Überarbeitung wirksam ist, die bei näherem Hinsehen den Eindruck betont, dass hier die Naturvorlage in einen ästhetischen Wirk raum eigener Potenz übertragen wurde. Das ist nicht übernommen, sondern gesucht, gemacht, betont und bewußt gestaltet, ohne all zu sehr in die Fundstruktur einzugreifen. Die Form des Abdrucks stellt einen Ausschnitt dar, der in seiner Außenkontur nicht ein lebendiges Nachbild des Baumstumpfes suggerieren will, sondern nur die lebendige Spur der zufälligen Wuchsform und ihrer Bearbeitung aufzeigt, die zudem ohne gewöhnliche harmonsiierende Kompositions schemata behandelt wird. Die Widerspenstigkeit von Figur und Grund wird eher durch die Präzision und Reduziertheit der Ausfertigung kompositorisch gebändigt.

Was sich in den Arbeiten zeigt, ist eine pfiffige Akuratesse in der Aufsuchung von neuen Vorlagen für druckgraphische Strukturen, die zu wählen weiss und zum einen mit der genauen Ausführung exakter Kanten diese akurate Ästhetisierung unterstützt, andererseits jede Art von Randbetonung auszublenden versucht. Es gibt keine Rahmungen, keine Betonungen von Rändern, außer notgedrungen bei den Frühstücksbrettchen. Die in Stickmanier umgesetzten Kassenzettel und Fahrkartenmuster sind der Ökonomie der Vorlage folgend ebenfalls bis an den Rand gefüllt. Die Zahlenkolonnen gehen bis an den Rand, die Baumstümpfe sind sogar über den Rand hinaus erweitert. Die Graphit abreibungen auf den Bahnhöfen setzen sich über die Kante fort und erweitern das Allover nicht nur um die Kante herum, sondern suggerieren, dass es sich um einen Auschnitt aus einem unendlichen Kosmos handeln könnte. Bei diesem Formfindungsprozess geschieht nichts hastig, sondern alles überlegt. Dem Selektieren der Künstlerin folgt das Delektieren des Betrachters, der sich an den Formen erfreuen kann, die in Serien den Verlauf von Zeit sichtbar machen durch Stapelung, Schichtung, Abrieb, Abdruck oder Jahresringe, die in ihrer geborstenen Restwertigkeit von Susanne Walter erpirscht und mit einer gewissen Kritik an den Wunden der Natur zu einer Formalchronistin des Alltags geworden ist.
Sie geht in den Wald, die Zeit geht ins Land und mit der geduldigen Emsigkeit, die sie an den Tag legt, sind noch manche Blüte graphisch festgehaltener und sichtbar gemachter Zeitverläufe von Susanne Walter zu erwarten.

Dr. Dirk Tölke