Dr. Dagmar Preising, 2009

Susanne Walter in der Ausstellung Cocoontime

Die Ausstellung Cocoontime im Forum für Kunst und Kultur Herzogenrath zeigt Arbeiten der aus Bielefeld stammenden und seit einem Jahr in Aachen ansässigen Künstlerin Susanne Walter im Dialog mit Werken der Rotterdamerin Eugénie Degenaar. Beide Künstlerinnen, die erst in dieser Ausstellung miteinander konfrontiert wurden, weisen in ihrem künstlerischen Schaffen Momente der Verwandtschaft auf. Diese beziehen sich nicht nur auf die ästhetische Struktur der Arbeiten, ihre Schwarz-Weiß-Qualitäten und ihre filigrane Erscheinungsweise, sondern auch auf das Thema „Zeit“, das für beide Künstlerinnen von zentraler Bedeutung ist.

Susanne Walter präsentiert Arbeiten von 2001 bis 2009. Vornehmlich sind es Werke aus dem Bereich der Graphik, die im Oeuvre der Künstlerin eine eminente Rolle einnimmt. Darüber hinaus gestaltet sie dreidimensionale Objekte sowie textile Werke. Hauptanliegen der Künstlerin ist es, gesammelte Zeit, geraubte Zeit, angehaltene Zeit zu dokumentieren. Zeit, das kostbarste Gut der Menschen, wird in stets neuer Weise künstlerisch fixiert, um auf ihre Bedeutung, aber auch ihre Erscheinungsformen hinzuweisen.

Bei der großformatigen, zweiteiligen Arbeit Bahnhof Soest/ Bahnsteig 3c und Bahnsteig 3d handelt es sich um eine Frottage, eine Durchdrucktechnik, die von Max Ernst in den Rang einer künstlerischen Technik gehoben wird. Susanne Walter hat die Leinwand auf den Bahnsteigboden gelegt, nicht ohne zuvor die kleinen Fundstücke – wie Zigarettenstummel, Streichhölzer, Kaugummi – nach dem Prinzip des gesteuerten Zufalls zu drapieren. Die mit Graphitstaub und Bürste durchgedrückte Bodenstruktur ergibt auf der Leinwand eine abstrakte Arbeit, die offen lässt, ob es sich hier um Mikro- oder Makrowelten handelt. Die quadratischen, auf Keilrahmen aufgezogenen Leinwandtafeln dokumentieren Zeit, die ihre Spuren auf dem Bahnsteig hinterlassen hat.

Susanne Walter liebt die durch Goya und später Max Klinger nobilitierte graphische Technik der Aquatinta, die sie nutzt, um den Aspekt der Zeitschiene zu verdeutlichen. In der 2009 entstandenen Reihe Zeitfenster werden in Vertikal – oder Horizontalstreifen die einzelnen Ätzstufen nebeneinander gesetzt. Auf diese Weise entstehen verschiedene Graustufen, die vom hellen Grau bis zum tief geätzten Dunkelton reichen. Das Thema dieser Arbeiten ist die Gesamtätzzeit der jeweiligen Blätter, visualisiert durch die Zeiteinheiten der einzelnen Ätzstufen, die nebeneinander stehen. Im Falle der Horizontalausrichtung der Ätzstufen auf dem Blatt lassen sich Landschaften assoziieren, da der dunkelste Ton als Grund und der hellste Ton als Himmel über dem Horizont gelesen werden kann.

Zeit kann im Werk von Susanne Walter auch als Gebrauchsspur gegeben sein. Dies gilt sowohl für 6 Monate Schneidearbeit, eine Reihe, bei der die Schneidespuren auf Resopalküchenbrettchen im Tiefdruckverfahren auf Papier wiedergegeben werden, als auch für das Objekt 1 Jahr Trocknerarbeit, bei der verfilzter Wäschestaub aus dem Wäschetrockner übereinander geschichtet und auf einem Sockel unter Glashaube platziert wird. Die in diesen Gebrauchsspuren manifestierte Zeit wird jeweils künstlerisch umgesetzt. Im ersten Fall sind abstrakte Tiefdrucke entstanden, die den Charakter von Kaltnadelarbeiten aufweisen, im zweiten Fall handelt es um ein skulpturales Objekt, das der Arte povera verwandt ist. Auch die 2001 entstandene Reihe tempo rubato, geraubte Zeit, nimmt Alltagsspuren zum Ausgangspunkt der künstlerischen Gestaltung. Preise beim Verkauf von Alltagsdingen hat die Künstlerin mit der Kaltnadel seitenverkehrt auf kleinen Kupferplatten fixiert, um die Endsumme zu ermitteln. Im Abdruck auf Papier ergeben diese zarte skripturale Kunstwerke, die einen enigmatischen Zauber entfalten.

Mit ihren Arbeiten versucht die Künstlerin dem Phänomen Zeit auf die Spur zu kommen. Während die Ausstellungspartnerin Eugénie Degenaar Zeit als persönlich gelebtes Leben auffasst und dieses in Kunst umsetzt, geht Susanne Walter distanzierter und sachlicher vor. Sie ist Dokumentaristin und sammelt Zeitkompartimente, die im Werk sichtbar werden und den Betrachter auf die Frage „was ist Zeit und wie ist sie fassbar“ aufmerksam machen.

Dr. Dagmar Preising
Aachen im August 2009